"Reiß dich zusammen. Das Leben geht weiter." 
Trauer am Arbeitsplatz – mehr als der Abschied von einem Menschen

Trauer hat viele Gesichter.
Wir trauern nicht nur, wenn ein geliebter Mensch stirbt.
Wir trauern auch um das Vertraute, um Sicherheit, um Strukturen, Rollen, Beziehungen – und manchmal um uns selbst.

Ich habe das selbst erlebt.
Im Zuge einer Reorganisation wurden damals fast alle meiner Kolleg:innen entlassen. Innerhalb weniger Tage wurde das, was über Jahre gewachsen war, auseinandergerissen. Freitag war ich noch Teil eines Teams. Montag wusste ich nicht, ob – und wenn ja, wie – ich weitermache.

Die Tage dazwischen?
Ein emotionaler Ausnahmezustand.
Unsicherheit. Kontrollverlust. Schuldgefühle, weil ich „bleiben durfte“.
Und die Frage: Wie soll ich funktionieren, wenn innen alles wackelt?

Trauer kann sich zeigen als:
🔹 Rückzug, Stille, Gereiztheit oder Erschöpfung
🔹 Konzentrationsprobleme, Leistungsabfall oder ständiges Gedankenkreisen
🔹 Schlaflosigkeit, körperliche Symptome, emotionale Labilität

Und doch erwarten wir im Arbeitskontext oft:
"Reiß dich zusammen. Das Leben geht weiter."
Aber: Gesundheit leidet, wenn Gefühle keinen Raum bekommen.
Trauer, die unterdrückt wird, wirkt im Verborgenen weiter – psychisch und körperlich. Und es ist ein Trugschluss, dass wir „effizienter“ sind, wenn wir alles wegdrücken.

Was mir geholfen hat?
🔹Zuhören statt bewerten.
🔹 Raum für Gespräche – ohne Agenda.
🔹 Führung, die nicht nur Prozesse, sondern auch Menschen sieht. Und der Mut, selbst zu sagen: „Ich bin gerade nicht voll da. Ich brauche Zeit.“
🔹 Vielleicht ist es Zeit, dass wir in Organisationen Trauer nicht mehr nur mit Tod verknüpfen, sondern als das verstehen, was sie ist: Eine natürliche Reaktion auf Verlust.

Und damit auch ein Thema für Führung, Kultur und gesunde Zusammenarbeit.

Führung in schweren Zeiten: Wenn Mitarbeitende trauern – und wir uns hilflos fühlen

Trauer macht sprachlos – nicht nur Betroffene, sondern auch ihr Umfeld. Besonders herausfordernd wird es für Führungskräfte:
Was sage ich? Was ist „angemessen“? Was braucht meine Mitarbeiterin – und was nicht?

Ich kenne diese Unsicherheit.
Ich habe sie gespürt, als ich selbst durch Verluste und gesundheitliche Krisen ging – und ebenso, wenn andere betroffen waren.
Hilflosigkeit ist menschlich. Aber sie darf kein Grund für Rückzug sein. 


Denn gerade am Arbeitsplatz brauchen trauernde Menschen das Gefühl: Ich werde gesehen. Ich bin nicht allein.

Was sagt die Forschung?
Studien zeigen, dass fehlende Unterstützung am Arbeitsplatz den Trauerprozess erschweren kann – und langfristig sogar zu Burnout, innerer Kündigung oder Depression führen kann (z. B. Stroebe et al., 2020). Gleichzeitig kann ein mitfühlendes Umfeld dazu beitragen, dass Betroffene schneller wieder Stabilität und Handlungskraft entwickeln.

Was also tun – als Führungskraft?
Hier ein paar Impulse:
🔹 Ansprechen statt Schweigen.
Ein ehrlicher Satz wie: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich bin für dich da.“ wirkt oft mehr als jedes perfekte Wort.
🔹 Raum geben.
Trauer verläuft nicht linear. Flexible Rückkehrmodelle oder Gesprächsangebote können Sicherheit geben, ohne Druck auszuüben.
🔹 Signale senden.
Ein mitfühlender Umgang in solchen Situationen prägt die gesamte Unternehmenskultur – auch für alle anderen.
🔹 Unterstützungsangebote aktiv teilen.

 

Hier ein paar niedrigschwellige Anlaufstellen:
🔹Telefonseelsorge: 0800 1110111 (24/7, anonym und kostenlos)
🔹 Trauernetz.de – Infos & Online-Angebote für Erwachsene und Kinder
🔹 Zentrale Empfehlungen für Führungskräfte: z. B. die Broschüre „Trauer am Arbeitsplatz“ oder "Trauer in der Arbeitswelt"

Ein Satz, den ich nie vergesse:
„Du musst nichts reparieren. Es reicht, wenn du da bist.“ – oft zitiert, selten gelebt.
Wir brauchen mehr Führung mit Menschlichkeit – besonders dann, wenn Worte fehlen.

Lasst uns daran arbeiten, dass Trauer auch in der Arbeitswelt einen würdigen Platz bekommt.

Als ich am Arbeitsplatz vom Tod meiner Mutter erfuhr…

Es war ein ganz normaler Arbeitstag – bis mein Handy vibrierte und ein Notarzt anrief.
Ein paar Minuten später war nichts mehr normal.
Meine Mutter war gestorben.

Ich stand mitten im Büro. Zwischen Terminen, Aufgaben, Gesprächen. Und plötzlich war da nur noch Leere.
Und eine Frage, die sich leise, aber hartnäckig in meinen Kopf brannte:
Wie soll ich jetzt einfach weitermachen?

Was ich damals erlebt habe, hat mir eindrücklich gezeigt:
🔹 Trauer ist nicht planbar. Und sie ist Stress. Auf allen Ebenen.
🔹 Der Körper funktioniert weiter – aber innerlich brennt es.
🔹 Die Welt dreht sich – aber man selbst steht still.
🔹 Man will leisten – aber kann kaum atmen.

Rückblickend bin ich dankbar für die Menschen, die in dem Moment nicht gefragt haben: "Wann bist du wieder einsatzbereit?"
Sondern gesagt haben: "Nimm dir die Zeit, die du brauchst."

Heute weiß ich: Wir müssen mehr über das Zusammenspiel von Trauer und Stress sprechen – nicht erst, wenn es uns selbst trifft. Sondern auch, um Räume zu schaffen, in denen andere nicht „funktionieren“ müssen, wenn ihnen gerade alles entgleitet.

Wenn wir in der Arbeitswelt über Resilienz, Leadership und Mental Health sprechen, dann gehört auch das dazu:
Trauer sichtbar machen. Und menschlich damit umgehen.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte – also sagte ich gar nichts.

Rückblick: Eine Kollegin von uns hatte im sechsten Schwangerschaftsmonat ihr Kind verloren. Ein Schicksalsschlag, für den es kaum Worte gibt.
Als sie nach einigen Wochen zurück in unser Team kam, waren wir hilflos. Wir wussten, dass sie trauert – aber wir wussten nicht, wie wir damit umgehen sollen.

Wir wollten ihr nicht zu nahe treten. Gleichzeitig wollten wir ihr zeigen, dass sie nicht allein ist.
Und so hielten wir Distanz. Aus Unsicherheit. Aus Respekt. Aus Angst, das Falsche zu sagen.

Aber Schweigen kann sich laut anfühlen.
Unsere Kollegin hat es irgendwann selbst angesprochen – ruhig, offen, mutig. Sie sagte:
„Ich weiß, ihr meint es gut. Aber manchmal wünsche ich mir einfach, dass jemand fragt, wie es mir wirklich geht. Oder sagt: Ich weiß nicht, was ich sagen soll – aber ich bin da.“

Dieser Moment hat uns wachgerüttelt. Und verändert.
Wir haben begonnen, mehr zuzuhören statt zu reagieren, mehr da zu sein statt zu analysieren. Und wir haben gemerkt: Es ist okay, nicht perfekt zu sein – aber präsent.

Die Forschung gibt ihr Recht:
Studien wie die von Brené Brown oder Park et al. (2021) zeigen, dass emotionale Sicherheit und ehrliche Verbindung am Arbeitsplatz das Gefühl von Zugehörigkeit und Resilienz stärken – gerade in Krisenzeiten.

Was wir mitgenommen haben:
🔹 Empathie braucht keine perfekten Worte. Ein ehrliches: „Ich sehe dich“ reicht oft mehr als ein gut gemeinter Ratschlag.
🔹 Fragen statt annehmen. „Was brauchst du gerade von uns?“ ist stärker als jeder vorschnelle Trost.
🔹 Uns selbst reflektieren. Unsere eigene Unsicherheit darf da sein – aber sie darf nicht verhindern, dass wir menschlich handeln.

Vielleicht hilft dir dieser Gedanke, wenn du je in einer ähnlichen Situation bist:
„Mitgefühl beginnt dort, wo das Bedürfnis aufhört, die Dinge richtig zu machen.“ – Brené Brown

Lasst uns Orte schaffen, an denen nicht nur Leistung, sondern auch Menschsein Platz hat. Auch – und gerade – in schweren Zeiten.

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